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GESCHICHTE
 
Das Zeltkino Hiddensee - eine deutsche Kinogeschichte

Während allgemein der Beginn der Kinogeschichte mit den Vorführungen der Brüder Max und Emil Skladanowsky am 1. November 1895 im Berliner Varieté "Wintergarten", bzw. von Auguste und Louis Lumiére am 28. Dezember im "Grand Cafe", Paris datiert wird, dürften erste Filmvorführungen erst nach dem 2. Weltkrieg auf Hiddensee stattgefunden haben.

Dies geschah, wie überall im ländlichen Bereich in Ost- und Westdeutschland, mittels transportabler Koffer-Projektoren. Mit Unterstützung der Dorfjugend wurden Projektor, Lautsprecher, Leinwand und Bestuhlung aufgebaut, den Kartenverkauf übernahm (zumeist) eine Frau aus dem Ort.

Auf Hiddensee erfolgten erste Kinoabende in Neuendorf im Hotel am Meer (Freilichtkino am Strandcafé); in Vitte im Hotel Ostsee (Freilichtkino am heutigen Standort des Zeltkinos); in Kloster im Hotel Hitthim am Hafen und in Dornbusch (Freilichtkino gegenüber dem Gasthaus Wieseneck). 1


Die ersten Zeltkinos

Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik wurde über die Betriebe und den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) der DDR die Entwicklung der Erholungseinrichtungen auf den Inseln und an der Ostseeküste intensiv vorangetrieben.

Rasch stiegen die Urlauberzahlen in den traditionellen Touristengebieten wieder an, die noch vorhandenen Filmtheater hielten diesem Ansturm und den gewachsenen Ansprüchen an eine Kinofilmvorführung nicht stand; die Freilichtvorführungen erwiesen sich als zu abhängig von Wind, Wetter und Sonnenuntergang.

Da "erfand" man die Kinozelte. Die ersten - noch mit Holzkonstruktionen errichteten - Zeltkinos spielten ab 1958 in Boltenhagen (westl. Wismar), in Prerow (auf dem Darß) und in Bansin (auf Usedom). Ab 1960 entstanden die Zeltkonstruktionen mit Stabfundamenten. 1


Die Kinohallen

Der regelmäßige Aufbau (ab Mai) und Abbau (im September) beanspruchte die Planen sehr und war mit großem Arbeitsaufwand verbunden, beides verursachte hohe Kosten. Daher entwickelte man Varianten, um die vorhandenen Zeltgerüste mit Leichtmetall einzudecken. 1971 konnte in Koserow (Usedom) die erste beständig mit Wellaluminium eingedeckte Kinohalle in Betrieb genommen werden. 2

Die Kinohallen erhielten bessere Bestuhlung und Innenausstattung. Ab 1975 wird für das Wellaluminium ein beschichtetes veredeltes Eisenblech benutzt. Schritt für Schritt werden die Zeltkinos zu festen Hallen umgebaut, es folgen Vorbauten für Vorführraum, Kasse, manchmal sogar ein kleines Foyer und die Innenverkleidung aus Holzpaneel.

1978 entstanden die ersten gemauerten Vorführräume mit Toilette etc. in Boltenhagen und Börgerende (zwischen Rostock und Heiligendamm). In Börgerende war das Kino sogar isoliert und heizbar, somit ganzjährig nutzbar.


Das Zeltkino auf Hiddensee

Fünf Jahre nach dem ersten Zeltkino in Boltenhagen erreichte diese besondere Form des Filmtheaters auch die Insel Hiddensee. 1963 projizierte ein Projektor von Carl Zeiss Jena 3 die ersten rund 2.400m 35mm-Kinobilder auf die Leinwand eines Zeltkinos. Der Standort erwies sich als ungünstig - ein Sturm verwehte das Zelt. Das Kino zog 1964 um nach Vitte, in ein kleines Wäldchen am Norderende, nicht weit vomRathaus: der heutige Standort.

Zuerst befanden sich Bänke im Kino, so wie sie noch heute im Zeltkino in Wustrow (Fischland) anzutreffen sind. Wenig später folgte eine Holzklappbestuhlung, zusammengestellt aus Stühlen von drei bis vier anderen Lichtspielhäusern. Täglich wechselte der Film im Abspielring mit anderen Kinos auf Rügen. Vitte gehörte zur Kreisbildstelle Rügen. Drei Vorstellungen täglich wurden gegeben, darunter auch Schul-Pflicht-Vorstellungen.

Die Eintrittspreise betrugen für Kinder und Jugendliche 0,50 Mark, bei Kinderfilmen galt der Preis von 0,25 Mark. Seit den ersten Nachkriegstagen galt ein - noch vom alliierten Kontrollrat festgesetzter - Kartenpreis von 0,85 Mark. Ab rund 120 Minuten Filmlänge wurde ein Zuschlag erhoben, bei 180 Minuten verdoppelte sich der ursprüngliche Eintrittspreis.

Im Winter wurde das Zelt in den beiden Bungalows hinter dem Kino eingelagert. Die stark beanspruchte Plane musste alle 3-4 Jahre gewechselt werden, die Innen-Verdunklung alle 7-8 Jahre.

Zu den Bungalows gibt es eine nette Geschichte:

Bei den Bauanträgen für Kinozelte wurden in aller Regel zwei Bungalows beantragt, da der Betrieb die gemeinsame Unterbringung von nicht verheirateten Mitarbeiter/innen nicht zulassen konnte. Die Zeltkinos und Kinohallen wurden von Kassierer/innen und Vorführern im monatlichen Wechsel aus anderen DDR-Bezirken bespielt.

Nicht so auf Hiddensee, hier wirkte E. Gau, der ein eigenes Haus auf der Insel besaß. Somit waren die zwei Bungalows auf Hiddensee bei allen "Kino- und Filmschaffenden" äußerst beliebt. Für die völlig überbuchte Insel mit Wartezeiten wie beim Trabant war so eine schöne "Sonderplanungszone Zeltkino Hiddensee" entstanden. Die Attraktivität der Bungalows hielt auch nach der Wende ungebrochen an - bis zum Verkauf des einen Häuschens.

Ende der 80er Jahre entstanden Planungen für eine Kinohalle auf Hiddensee mit 250 Sitzen und einem Kinocafé für den ganzjährigen Betrieb, die nicht realisiert wurden.


1989 - die Wende, die Interessen, das Zeltkino

Im Bereich der Bezirksfilmdirektion des Bezirks Rostock der Deutschen Demokratischen Republik existierten

  • 47 feste Filmtheater
  • 21 überdachte Kinohallen
  • 18 Zeltkinos
  • 7 Freilichtbühnen mit stationärer Kinotechnik
Die 39 (Kinohallen und Zeltkinos) Sommerkinos wurden 1991 verkauft, viele davon sogleich aufgelassen, andere gerieten in den Strudel unterschiedlicher Verwertungsinteressen der Grundstücksnutzung. So dient z.B. das Hallenkino Nonnewitz (Nord-Rügen) heute als Lagerhalle des dortigen großen Zeltplatzes, obwohl dort für 2.000 Urlauber ein guter Kinostandort wäre.

In Vitte auf Hiddensee erwarb Ekkehard Gau das Zeltkino, sowie die zwei auf dem Grundstück befindlichen Bungalows. In den Bungalows wurde im Winter das Zelt und die Kinotechnik eingelagert, im Sommer konnten dort - direkt hinter der Leinwand - Freunde und Bekannte aus der Kinobranche Urlaub machen.

"Wir haben die Kofferapparatur gekauft und das Zelt. Den Boden, auf dem das Kino steht, hat damals die Gemeinde verpachtet. Nachdem vor drei Jahren das Land an den alten Besitzer aus den alten Bundesländern zurückgegeben wurde, hat dieser gleich den Pachtvertrag gekündigt." So Ekkard Gau im Jahre 1999. 4

Seit 1996 wurden jährliche Pachtverträge geschlossen. Der Kinobetreiber versuchte einen längerfristigen Pachtvertrag zu erhalten unter Einbeziehung der zwei Bungalows - übrigens ohne WC und Dusche, ohne Isolation p.p. - und unter Beibehaltung seiner Selbstständigkeit.

In der Folge wurde einer der Bungalows verkauft, das Grundstück abgetrennt. Im Jahre 2002 beendet E. Gau seine Tätigkeit.


2004 - 40 Jahre Zeltkino in Vitte

Im Jahre 2003 schloss die Kurverwaltung / Inselinformation Hiddensee GmbH einen Pachtvertrag mit dem Besitzer des Grundstücks und ließ das Zeltkino vom Inhaber des Kinocenters in Bergen auf Rügen betreiben, der heutigen Insel Kino GmbH. Es erfolgten erste vorsichtige Investitionen in Technik und Programm.

Ein "neuer gebrauchter" Filmprojektor mit neuen Objektiven bringt mehr Licht und Trennschärfe auf die Leinwand. Das Abspiel vom Sidewinder mit 5000m Spulen erlaubt die Vorführung des kompletten Spielfilms ohne Überblendung.

Das Filmprogramm folgt der bewährten Tradition und dem anspruchsvollen Filmgeschmack des Hiddenseer Publikums. Erstmals erscheinen im 10 Tage-Rhythmus Programmflyer. Auf Kritik der Jugendlichen hin werden zweimal wöchentlich aktuelle Mainstream-Filme am Spätnachmittag gezeigt.

Es beginnt eine Recherche der Geschichte, bei der sich herausstellt, dass es neben Hiddensee nur noch ein Zeltkino in Wustrow (Fischland) direkt an der Seebrücke gibt. Das Zeltkino in Wustrow wird von Frau Jung betrieben, wurde mit einem neuen Zelt überdacht und innen in Eigenarbeit wunderschön ausgestaltet. Der Zuschauerraum ist um 30% verkürzt worden, um Platz für einen ganzjährig geöffneten Kiosk zu gewinnen.

In Vitte auf Hiddensee und in Wustrow stehen also Deutschlands letzte Zeltkinos als Zeugen einer ganz besonderen Kinokultur. "Zeitzeugen" der großen Zeit des Kino-Entertaintments, Kultstätten der heutigen Filmkunst-Theater.


2007 - Sanierung und Neugestaltung des Zeltkinos

Nachdem der Zahn der Zeit nunmehr 43 Jahre am Zeltkino genagt hat, wurde mit Hilfe der Inselinformation Hiddensee das Zeltkino komplett saniert. Hierzu gehören eine komplette neue Unterkonstruktion aus Aluminium, eine neue Zeltplane aus Kunststoff, eine neue Verdunkelung sowie ein Fußboden aus Holz. An der Vorführtechnik wurde bis auf ein paar kleine technische Veränderungen nichts gemacht.
Bilder vom Aufbau unter www.zeltkino.de




  1. Zitiert nach Informationen der Kurverwaltung.
  2. Frei zitiert nach Wolf-Frieder Jakob: "Zur Entwicklung der Struktur des Lichtspielwesens und der sozialistischen Filmpolitik im Territorium des Bezirkes Rostock (dargestellt im Zeitraum von 1945 bis zur Gegenwart)". Diplomarbeit, Leipzig 1979.
  3. Die TK 35 (Tonkino-Koffer-Anlage) wurde bis Anfang der 70er Jahre von Carl-Zeiss Jena produziert und in allen Kinozelten eingesetzt. Dann wurde die Produktion auf Verlangen der Sowjetunion eingestellt. Es mussten in der Folge die schweren und anfälligen Sowjet-Projektoren importiert und zum sehr unbeliebten Einsatz gebracht werden.
    Ähnliches geschah auch bei der Produktionsabstimmung innerhalb des COMECON (Wirtschaftsorganisation der Ostblockstaaten) für die stationären Projektoren. Ernemann in Dresden musste die Produktion einstellen, die Projektoren kamen von Meopta, aus der damaligen Tschecheslowakei. Allerdings waren und sind die "Meo´s" gute, zuverlässige Maschinen.
  4. Hiddensee Inselnachrichten, Mai 2003, Seite 10: "Voll besetzt und immer lange Schlangen" von Lena Blandez, 1999.